ACBS Weltkonferenz in Seattle 2016

Erfahrungen deutschsprachiger TeilnehmerInnen auf der 14. ACBS Weltkonferenz in Seattle 2016.

Die Initiative für den Bericht, die Fragen zum folgenden Interview und die Zitate am Ende verdanken wir Dipl.-Psych. Kristin Heiber. Die Antworten aufgeschrieben und die Links eingefügt hat Dr. med. Herbert Assaloni.

 

Was hat Dich am meisten auf der diesjährigen Weltkonferenz beeindruckt und warum?

Am meisten beeindruckt hat mich die Lebendigkeit und Vielfalt auf dem diesjährigen ACBS-Kongress. Es ist spürbar, dass die ACBS eine sich laufend weiter entwickelnde Organisation ist, die nicht nur Wert auf die Verbindung von Grundlagenforschung und klinischer Arbeit legt, sondern auch Brücken baut zu verschiedensten Disziplinen und jedes Jahr „fellow traveller“ einlädt, deren Arbeit sich mit der Grundausrichtung der ACBS, die Herausforderungen unserer Zeit besser zu verstehen und menschliches Leiden zu verringern, vernetzt.

Fachlich war für mich am Wichtigsten, in Workshops zu verhaltensanalytischen Grundlagen mein Verständnis des funktionalen Kontextualismus, der angewandten Verhaltensanalyse und der Relational-Frame-Theory (RFT), zu vertiefen (z.B. „Evoke, Repeat, Reinforce“ mit Emily Sandoz und einem Workshop zu der Arbeit mit Metaphern und RFT mit Niklas Törneke). Inhaltlich besonders wertvoll war für mich die Teilnahme am Workshop von Kelly Körner zu „The best of DBT for a functional contextual therapist“.

Neben den vielen interessanten Vorträgen, Workshops und Symposien sind es vor allem die Begegnungen mit alten und neuen Freunden aus allen Kontinenten, die die Weltkonferenz so lebendig, wertvoll und wesentlich macht. Die Leute arbeiten in unterschiedlichen Berufen und in verschiedenen Settings. Das macht den Austausch sehr spannend und belebt die Motivation für die eigene Arbeit und die persönliche Weiterentwicklung.

Ich freue mich jetzt schon auf die nächste Konferenz in Sevilla 2017.

Was hast Du Dir für Deinen (Berufs-/persönlichen) Alltag mitgenommen?

Interesse am Lesen von Büchern über Grundlagen von ACT:  Zettle & Hayes (2016) „The Wiley Handbook of Contextual Behavioral Scienceund Hayes, Villate & Vilatte (2015) „Mastering the Clinical Conversation” sowie Polk, Schoendorff, Webster, Olaz (2016) „The Essential Guide to the ACT-Matrix“.

Nach drei Tagen FAP-Pre-Conference Workshop (FAP = Functional Analytic Psychotherapy) vor der eigentlichen Weltkonferenz und einer eindrücklichen „invited lecture“ von Mavis Tsai zu „dare greatly“ bin ich nun intensiv dran, in meiner klinischen Arbeit nicht nur ACT-, sondern auch FAP-Prinzipien anzuwenden. Das ACL- (Awareness-Courage-Love) Modell, das Jonathan Kanter entwickelt hat (Professor am Center of Science of Social Connnection), finde ich sehr hilfreich, wenn es um die Verbesserung von sozialen Beziehungen geht. Die Bedeutsamkeit sozialer Beziehungen für unsere Gesundheit bzw. Krankheit ist mehrfach in Seattle thematisiert worden.

Eine freundliche und mitfühlende Beziehung zu sich selbst steht im Zentrum der Arbeit von Christopher Germer (www.mindfulselfcompassion.org) und Kristin Neff (www.self-compassion.org). Die einfachen Übungen zu Selbstmitgefühl begleiten mich seit der Konferenz in Seattle in meinem Alltag und teilweise kann ich sie gut nutzen, um meinen Patienten zu helfen, angesichts von schwierigen äußeren und inneren Zuständen, freundlicher und mitfühlender mit sich selbst zu sein und damit auch flexibler für ein wertegeleitetes Handeln.

Was würdest Du ACT-Interessierten im deutschsprachigen Raum als Erstes erzählen wollen?

Es lohnt sich, eine Weltkonferenz zu besuchen. Die Auswahl an Workshops für Einsteiger und Leute, die sich schon länger mit ACT beschäftigen ist groß. Es ist interessant, den Menschen zu begegnen, die sich seit vielen Jahren mit den Grundlagen von ACT beschäftigen und Bücher dazu geschrieben haben, und von Ihnen zu lernen.

Die Weltkonferenz bietet mit einer sehr umfassenden Postersession die Möglichkeit, mit Forschern aus der ganzen Welt ins Gespräch zu kommen. Die ACBS wird als lebendige Organisation sichtbar, die Themen sind vielfältig und gehen über psychotherapeutische und klinische Arbeit weit hinaus.

Der ACBS-Kongress schafft Verbindungen und Freundschaften mit dem gemeinsamen Ziel, das Leiden der Menschen und der Natur auf diesem Planeten zu verringern. Ich erlebe die Weltkonferenzen als Treffen von Menschen, die etwas tun wollen, um mehr Liebe, mehr Mut und mehr Bewusstheit in die Welt zu bringen, und die sich deshalb zu einer Gemeinschaft verbinden, die einen Einfluss haben kann auf Kinder, auf Familien, Schulen, Institutionen und Organisationen und hoffentlich auch auf die Politik.

Was mich an ACBS fasziniert ist, dass es fachübergreifende Diskussionen gibt. So hat der Austausch mit dem Evolutionswissenschaftler David Sloan Wilson zum PROSOCIAL Projekt geführt. Ein Projekt, das auf den Prinzipien von Elinor Ostrom beruht, die 2009 den Nobelpreis in Ökonomie für ihre Forschung zu Nachhaltigkeit in Gruppen, die allgemeines Gut, wie Wasser, Boden usw. bearbeiten und verwalten, gewonnen hat. Ein kurzes einführendes Video zur PROSOCIAL Initiative, die Evolutionswissenschaften, Gruppenprozesse und Matrix verbindet, findet sich hier: https://www.prosocialgroups.org/ .

Fellow Traveller Kristin Neff und Christopher Germer, die Selbstmitgefühlskurse für eine breite Öffentlichkeit entwickelt haben und Therapeuten darin schulen, mehr Wärme in die therapeutische Arbeit zu bringen, haben nicht nur Vortrag und Workshop gehalten, sondern auch mit den ACT-Urgesteinen Steven Hayes, Kirk Strohsal und Patti Robinson über Hexaflex und Selbstmitgefühl diskutiert. Transkribierte Auszüge daraus finden sich hier: Compassion and Psychological Flexibility: Highlights from a Panel Discussion with Leaders in Contextual Behavioral Science and Self-Compassion, Part One und
Part Two.

Beeindruckend war auch der Vortrag von James Coan zu sozialer Wahrnehmung und wie wichtig qualitativ gute soziale Beziehungen für unsere Gesundheit und unser Glück sind. Von ihm gibt es einen TEDx-Talk über seine Forschung: https://www.youtube.com/watch?v=1UMHUPPQ96c

 

Ergänzung:

Für alle, die sich für eine Alternative zum Hexaflex interessieren, empfiehlt Hagen das DNAv Programm der Australier Louise Hayes und James Ciarrochi. Das ist ein Programm, das ursprünglich für Jugendliche entwickelt wurde, aber auch gut in der Arbeit mit Erwachsenen angewandt werden kann. Einen Eindruck gibt www.thethrivingadolescent.com

 

Zitate anderer TeilnehmerInnen:

„Das Schönste für mich war, wieder zu merken, dass es der ACBS nicht um ein Absichern des Erreichten, sondern um ein permanentes Weiterentwickeln geht und um sich umschauen in der Welt: was beschäftigt die Welt und was haben wir beizutragen.“ (Dr. med. Hagen Böser)

 

„Was ich für mich mitgenommen habe? Ein Wort: Liebe. Für mich, für meine Patienten, für diese Welt. Es gibt so unglaublich gute Therapeuten und liebe Menschen dort, dass ich mich immer wieder freue, sie wiederzusehen. Ich habe wieder viel Enthusiasmus und neue Ideen für die Arbeit mitgenommen.“ (Sandro Teuber)
 

„Geht zur nächsten Weltkonferenz in Sevilla. Es ist ein inspirierendes Erlebnis. Man findet so eine Dichte an wissenschaftlichen Erkenntnissen, Anwendungsmöglichkeiten der verschiedensten Ansätze wie auch politischen Fragestellungen.“ (Dipl.-Psych. Beate Ebert)

 

„Ich hoffe, dass der Geist, der bei den Weltkonferenzen spürbar wird, sich auch im deutschen Sprachraum weiter lebendig ausbreiten und Einfluss nehmen wird auf unsere Gesellschaft. Ich hoffe, dass wir mit präziser Forschung und kreativer Anwendung von ACT und der zugrunde liegenden Philosophie und Theorie in unterschiedlichen Berufsfeldern etwas beitragen zu einer Welt, in der alle leben können in Würde und Verbundenheit.“ (Dr. med. Herbert Assaloni)