ACT und PROSOCIAL in der Arbeit mit Geflüchteten und Initiativen

von Dr. Benjamin Siemann

Plötzlich ist alles anders.

Im vergangenen Sommer stieg die Zahl der geflüchteten Menschen in Hamburg sehr stark an. Wir Mitarbeiter des MVZ Verhaltenstherapie Falkenried machten uns Gedanken darüber, welchen Beitrag wir leisten wollen, um Verantwortung in dieser neuen Situation zu übernehmen. Augenfällig ist, dass viele Schutzsuchende in ihrem Herkunftsland und auf dem Weg zu uns Entsetzliches erlebten. Bei uns angekommen stehen sie vor neuen Aufgaben: Sie kommen nicht umhin zu lernen, sich bei uns zurechtzufinden. Viele unserer Werte und Verhaltensregeln sind ihnen fremd und stehen bisweilen im Widerspruch zum eigenen kulturellen und religiösen Hintergrund. Konfrontiert mit unvertrauten Werten und Normen und einer ungewissen Zukunft fühlen sich viele verunsichert – es kommt zu Konflikten und emotionalen Krisen. Das Zusammenleben in der Zentralen Erstaufnahme, auf engstem Raum mit Geflüchteten aus anderen Nationen und Kulturkreisen, zum Teil mit Menschen aus verfeindeten Volksgruppen, verschärft die Situation.

Aus dieser Not heraus haben sich viele Hamburgerinnen und Hamburger spontan zu Initiativen zusammengeschlossen, um die Geflüchteten zu unterstützen. Doch diese Engagierten benötigen manchmal auch selbst Hilfe. Den neu entstandenen Gruppen fehlt häufig die Zeit und Gelegenheit, sich mit ihren Zielen eingehend auseinanderzusetzen. Hinzu kommt, dass sich die Ehrenamtlichen aus sehr unterschiedlichen Motiven heraus engagieren. Viele fühlen sich mittlerweile belastet, überfordert und alleingelassen. So kann es zu Konflikten kommen, die diese Initiativen schlimmstenfalls zerbrechen lassen.

Was tun? Wir organisierten eine öffentliche Fortbildung und einen Workshop zum Thema „PROSOCIAL und ACT in der Arbeit mit Geflüchteten“. Dafür konnten wir Beate Ebert als Referentin gewinnen. Mit ihrer begeisternden Art vermittelte sie uns und vielen weiteren Interessierten die PROSOCIAL-Methode. Im Workshop durchliefen wir einen exemplarischen PROSOCIAL-Prozess. Schnell war die Idee geboren, den Verein „Action Integration“ zu gründen. Mit ihm wollen wir geflüchteten Menschen und ehrenamtlich Engagierten ein Werkzeug an die Hand geben, das ihnen hilft, durch werteorientiertes flexibles Handeln schwierige Situationen besser zu meistern.

Was haben wir vor?

Die Feedbacks aus Beate Eberts Workshop war eindeutig: „Das macht was mit einem“, „Mir wird viel klarer, wie es meinem Gegenüber geht“, „Uns wird deutlicher, was wir als Ehrenamtliche wollen“. PROSOCIAL und ACT sind vielfältig einsetzbar. So wollen wir aktiv werden:

  • In Stadtteilen und Nachbarschaften gibt es oft Spannungen, Missverständnisse oder einfach nur zu wenig Begegnung mit den neuen Mitbürgern. Dort beabsichtigen wir mit PROSOCIAL-Workshops zu intervenieren. Unsere ersten Erfahrungen wollen wir gemeinsam mit Engagierten in Wilhelmsburg sammeln, einem Hamburger Stadtteil mit hohem Anteil an Migranten und Geflüchteten.
  • Vereine und Ehrenamtliche in der Migrationsarbeit unterstützen wir mit fixen vierteljährlichen Workshop-Terminen. Sie sollen in die Lage versetzt werden, ihre Gruppen funktionaler und werteorientiert zu gestalten. Der nächste Termin ist für den 14. September geplant.
  • In den Zentralen Erstaufnahmen haben wir vor, mit geflüchteten Menschen zu arbeiten, wenn das „Miteinander“ sich schwierig gestaltet. Im Idealfall werden dafür erfolgreich integrierte Zuwanderer als PROSOCIAL-Mentoren eingesetzt. Dafür fehlen uns momentan noch Ehrenamtliche, und die Konzepte stehen noch am Anfang.

Die ersten Schritte sind getan. Die ACT/PROSOCIAL-Begeisterten unter uns haben erste Workshop-Programme entwickelt – jetzt geht es ans Umsetzen. Wir freuen uns über engagierte Menschen, die uns mit ihrem Input unterstützen wollen! Wir von „Action Integration“ möchten uns gern mit Ihnen vernetzen: Lassen Sie uns gemeinsam unsere Ideen zur Unterstützung einer guten Integration verwirklichen. Erfahren Sie mehr auf: www.action-integration.org