Den Bananenstamm küssen: Werden Sie sich im Kampf gegen Ebola engagieren (commit) und handeln (act)?

Stephen C. Hayes, Ph.D, Mitbegründer von ACT, www.huffingtonpost.com

Von den Problemen, denen sich Länder wie Sierra Leone im Kampf gegen Ebola gegenüber sehen, sind zwei für den amerikanischen (und den europäischen) Geist besonders schwer zu verstehen: 1.) die weit verbreitete Skepsis, dass diese Krankheit tatsächlich existiert und 2.) Begräbnispraktiken, die in unseren Augen nicht nur eindeutig die Übertragung der Krankheit fördern, sondern sogar ein wenig makaber erscheinen.

Lassen Sie uns zunächst eine andere Perspektive einnehmen:

Stellen Sie sich vor, Sie leben in einer kleinen Dorfgemeinschaft, die ein tief verwurzeltes Misstrauen gegen Außenstehende hegt. Das Konzept einer ansteckenden Krankheit ist unklar oder wird falsch verstanden. Viele in der Gemeinschaft glauben, dass eine Krankheit die Folge eines Fluches ist und stigmatisieren aufgrund dessen die Erkrankten. Dann tauchen plötzlich Menschen aus fremden Ländern in so etwas wie Raumanzügen auf, stören das Gemeinschaftsleben und bringen die Kranken fort, um sie unter Quarantäne zu stellen. Von den meisten dieser Leute hört man nie wieder etwas.

Dies alles geschieht vor dem geschichtlichen Hintergrund eines jahrzehntelangen Bürgerkrieges, in dem zehntausende Kinder als Soldaten rekrutiert, Frauen brutal vergewaltigt und getötet und nahezu 100.000 Menschen verstümmelt oder ermordet wurden.

Schon die nackten Zahlen erfordern unmittelbares Handeln: 2.500 Tote und etwa 4.700 Krankheitsfälle wurden bisher bestätigt. Es könnten wesentlich mehr sein. Hochrangige Vertreter des Gesundheitswesens und Kommentatoren wie Dr. Richard Besser verlangen nach militärischem Eingreifen und Dr. Michael Osterholm hat seine Besorgnis kundgetan, das Virus könnte sich auf dem Luftweg weiter verbreiten. Angesichts des historischen und kulturellen Hintergrundes ist es jedoch nicht verwunderlich, dass es gerade in manchen Gebieten, in denen das Ebolavirus am schlimmsten wütet, Widerstand gegen Interventionen von außen gibt. Vielleicht bringen ja diese Arbeiter in ihren Raumanzügen die Krankheit mit sich. Vielleicht ist das alles ein Komplott.

Was es jetzt braucht, ist ein Handeln, das aus dem Inneren von Sierra Leone selbst hervorgeht. Glücklicherweise findet eine tapfere Gruppe von ACT- und PROSOCIAL-Pionieren Wege, zu den Betroffenen durchzudringen, wo viele andere nichtstaatliche Organisationen Schwierigkeiten haben, einen Fuß auf den Boden zu bekommen. Es ist ihnen gelungen, die Menschen über Ebola zu informieren und Dorfgemeinschaften sogar bei der Entwicklung alternativer Begräbnispraktiken zu unterstützen, die mit deren tief verwurzelten Wertvorstellungen vereinbar sind.

Commit and ACT in Sierra Leone

Im Jahr 2008 fand sich die deutsche Psychologin und ACT- Praktikerin Beate Ebert „im Zentrum eines perfekten Sturms“ von Ereignissen wieder. Sie war sich der „Versorgungslücke“ bewusst, die in Ländern mit mittlerem und geringem Einkommen sowohl in Bezug auf das Angebot als auch auf den Zugang zu psychiatrischer und psychologischer Gesundheitsversorgung besteht. Sie wusste, dass die Weltgesundheitsorganisation (WHO) soeben dazu aufgerufen hatte, die psychologische und psychiatrische Gesundheitsversorgung in diesen Ländern auszubauen, um den Zugang zu entsprechenden Dienstleistungen zu verbessern, das Spektrum der angebotenen Leistungen zu vergrößern und deren Evidenzbasiertheit sicherzustellen. Genau zu diesem Zeitpunkt schloss sie Freundschaft mit Sarah Culberson, einer Therapeutin, die zur Hälfte Sierra-Leonerin ist und die von einer amerikanischen Familie der gehobenen Mittelschicht adoptiert worden war.

Ebert kam die spontane Idee: „Ich könnte meinen Urlaub in Sierra Leone verbringen und Therapien anbieten, um den Menschen dort zu helfen.“ Sie stellte fest, dass dies zugleich eine großartige Gelegenheit wäre, die Anwendbarkeit des ACT-Ansatzes in einkommensschwachen Ländern zu testen – sowohl in Bezug auf die allgemeine Bevölkerung als auch in Bezug auf nichtstaatliche Organisationen, die in Sierra Leone tätig sind.

Um diese Arbeit zu ermöglichen, gründete sie den gemeinnützigen Verein commit and act e.V, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, „traumatisierten Menschen in Krisengebieten psychotherapeutische Unterstützung zuteilwerden zu lassen“. Der Verein möchte den Menschen dabei helfen, wieder Vertrauen zu fassen und den Mut zu entwickeln, ihr Leben nach ihren eigenen Vorstellungen zu gestalten. Zu diesem Zweck werden Helfer vor Ort in effektiven Methoden der Psychotherapie, insbesondere in ACT, unterwiesen.

Nach der Vereinsgründung nahm commit and act Kontakt zu Dutzenden psychologischen Beratern in Sierra Leone auf und bildete sie aus, darunter auch Hannah Bockarie, die mittlerweile die örtliche Leiterin von commit and act ist. Bockarie, die fließend die Landessprache Krio beherrscht, war die perfekte Wahl, um selbst ACT-Workshops in Sierra Leone anzuleiten. Mit dieser Arbeit hat sie gemeinsam mit anderen Therapeuten im Jahr 2010 begonnen.

Commit and act ging eine Partnerschaft mit der Universität Glasgow ein, die bei der Evaluierung der Workshops half. Über mehrere Jahre hinweg hat die wissenschaftliche Gesellschaft für ACT, die Association for Contextual Behavioral Science (ACBS), die Mittel aufgebracht, Bockarie und mehrere andere sierra-leonische Therapeuten zu Fortbildungszwecken zu ihrer jährlichen Konferenz einzufliegen. Inspiriert durch Ebert sind auch andere international bekannte ACT-Trainer nach Sierra Leone geflogen, um in Freetown, Makemi und Bo einheimische Therapeuten und Angehörige von Gesundheitsberufen auszubilden. In Bo wurde eine Klinik eröffnet.

Mittlerweile haben Therapeuten von commit and act bereits Hunderte Menschen ausgebildet; einzeln, in Gruppen und im Rahmen von Workshops. Allein die Workshops haben mehrere hundert Teilnehmer erreicht. Die Ergebnisse dieser Workshops (die derzeit zur Veröffentlichung in einer Fachzeitschrift überprüft werden) sind beeindruckend. Die Teilnehmer wurden auf verschiedenen Dimensionen eingeschätzt. Sie wiesen ein größeres Maß an psychologischer Flexibilität, eine geringere kognitive Verstrickung und erhöhte Lebenszufriedenheit auf – selbst diejenigen, die positiv auf PTBS getestet worden waren (ein weit verbreitetes Phänomen in einem Land, das seit mehr als einem Jahrzehnt vom Bürgerkrieg zerrissen ist). Mit anderen Worten: Die Workshopteilnehmer waren achtsamer, weniger in ihren Gedankengängen gefangen und zufriedener.

Diese Vorabergebnisse sind beeindruckend und aufregend – sie fügen der Forschung, die das ACT- Modell stützt, eine neue Dimension hinzu. Aber das ist erst der Anfang der Geschichte.

Einzug von Ebola

Nachdem commit and act 2010 Wurzeln in Sierra Leone geschlagen hat, war der Verein in einer einzigartigen Position, um Hilfe leisten zu können, als Ebola vor einigen Monaten über das Land hereinbrach. Hannah Bockarie war vor Ort, als das Virus zuschlug. Sie stellte recht bald fest, dass ACT und der PROSOCIAL-Ansatz auf innovative Weise dazu genutzt werden können, die Bevölkerung über die Erkrankung aufzuklären und dabei zu helfen, gesunde Verhaltensalternativen zu entwickeln.

Verhaltensalternativen, die im Kampf gegen den verheerenden Ausbruch der Seuche von Nutzen sein könnten. PROSOCIAL ist ein gemeinsames Projekt des „Evolution Institute“ des Evolutionsbiologen David Sloan Wilson und der ACBS, um ACT mit den Prinzipien der Nobelpreisgewinnerin Elinor Ostrom zu verbinden und „prosoziale“ Gruppen zu fördern.

Aufgrund des großen Einflusses der commit and act-Klinik wurde Bockarie von der Regierung dazu angehalten, beim Kampf gegen die Epidemie zu helfen. Der erste Punkt auf ihrer Agenda waren Informationsveranstaltungen, bei denen die Botschaft übermittelt wurde, dass Ebola real ist und ernst genommen werden muss.

Indem sie die Gemeinden zusammengerufen und darum gebeten haben, die einfache Botschaft: „Ebola ist real!!!“ in Betracht zu ziehen, haben Bockarie und commit and act dazu beigetragen, diese lebenswichtige Botschaft auf eine Weise zu kommunizieren, die die Menschen verstehen und akzeptieren können.

Nachdem die Menschen sich versammelt hatten, hielt Bockarie öffentliche Informationsveranstaltungen ab, in denen sie den Leuten erklärte, was Ebola ist, wie sie sich ausbreitet, warum Hygiene so wichtig ist und vieles mehr.

All das sind essentiell wichtige Schritte, um die Ausbreitung des Virus einzudämmen. Doch der letzte Teil dieses Lernprozesses beweist, welche bedeutsamen Möglichkeiten zur Veränderung ACT und PROSOCIAL tatsächlich innewohnen.

Flexible Begräbnisriten

In Sierra Leone (wie in weiten Teilen Westafrikas) ist es üblich, die Körper der Verstorbenen noch mehrere Tage zu Hause zu behalten, über ihnen zu beten, sie zu waschen, sie anzukleiden und sie sogar zu umarmen und zu küssen. Menschen, die diese Zeremonien nicht durchführen, fühlen sich entsetzlich. Sie haben das Gefühl, ihre verstorbenen Verwandten entehrt zu haben und können unter Umständen sogar aus der Dorfgemeinschaft ausgeschlossen werden.

Aus diesen und anderen Gründen ist es unglaublich schwierig, die Menschen dazu zu bewegen, die Begräbnisriten zu verändern, die in ihrer Kultur so wichtig und so tief verwurzelt sind. Sie dazu zu zwingen, die Toten zu verbrennen, kann zu erbittertem oder gar gewalttätigem Widerstand führen. Diese Gebräuche zu verändern, und zwar schnell , ist jedoch aus offensichtlichen Gründen von allergrößter Bedeutung: Die Infektionsgefahr ist im Tod am größten, Kontakt mit Leichnamen ist einer der Hauptgründe dafür, dass sich die Krankheit so schnell zur Epidemie ausgeweitet hat.

Was ist die Lösung? Es sieht nach einer gewaltigen, vielleicht unentrinnbaren Zwickmühle aus. Und für Menschen, die psychisch nicht flexibel sind, kann dies tatsächlich zur Falle werden.

Psychische Flexibilität zu schaffen, ist aber genau das, was ACT so besonders macht.Mit diesem Wissen hat Bockarie begonnen, ACT- und PROSOCIAL-Gruppensitzungen zu leiten, um die Menschen dabei zu unterstützen, alternative Begräbnisriten zu ersinnen.

Riten, die ihren Wertvorstellungen entsprechen, es jedoch zugleich Ärzten und Gesundheitspersonal ermöglichen, die Leichen ordnungsgemäß zu entsorgen.

Ein schönes Beispiel, das eine Gruppe hervorbrachte, ist das Ersetzen des Leichnams durch einen Bananenstamm. Der Körper des infizierten Verstorbenen wird verbrannt. Stattdessen behalten die Angehörigen den Stamm einer Bananenstaude im Haus und führen alle traditionellen Rituale damit durch, bis hin zum Küssen des Bananenstamms vor der Beisetzung. Zum Schluss wird der Stamm begraben.

Dies sind „psychische Flexibilität“ und „wertebasiert leben“ in Aktion.

Gruppen, die diese Arbeit mit Bockarie durchlaufen haben, haben solche alternativen Praktiken bereitwillig angenommen und berichten, dass sie sich gut fühlen, weil sie weiterhin im Einklang mit ihren Werten handeln können, während sie gleichzeitig tun, was nötig ist, um die Ausbreitung von Ebola zu stoppen.

Beachten Sie, dass Bockarie die Menschen nicht dazu „gebracht“ hat, diese Dinge zu tun. Sie hat nicht einmal die Bananenstammlösung selbst vorgeschlagen. Stattdessen hat sie die Hand nach der Dorfgemeinschaft ausgestreckt und den Leuten dabei geholfen, ihre Gefühle und Werte zu klären. Sie hat die Menschen gefragt, was für sie funktioniert und welche Alternativen ihnen einfallen würden, die Rituale auszuführen, die ihnen wichtig sind, und gleichzeitig den Gesundheitsbehörden den Raum zu geben, ihre Arbeit zu tun.

Ich bin von dieser Arbeit beeindruckt, inspiriert und tief bewegt. Sie stellt einen Schritt nach vorn dar, der niemals von außen hätte kommen können. Militärisches Eingreifen hätte ihn niemals hervorbringen können. Ausländische Helfer hätten ihn niemals diktieren können. Dieser kultursensible Fortschritt konnte nur entstehen, weil Therapeuten, die in ACT und PROSOCIAL ausgebildet sind, bereits dort waren, vor Ort, im commit and act-Zentrum, bereit, die Menschen zu ermächtigen, die Kontrolle über ihr eigenes Leben zu übernehmen.

Wenn Sie das so sehr berührt wie mich, besuchen Sie bitte www.commitandact.com und engagieren Sie sich.

Es sollte uns allen – und das schließt jeden ein, der diesen Artikel liest – zunehmend klar werden, dass die weltweite Gemeinschaft sich engagieren („commit“) und handeln („act“) muss, wenn wir die Ausbreitung von Ebola aufhalten wollen. Wir können den Lauf dieser Katastrophe aufhalten. Innovative Ansätze wie die, die von commit and act in Sierra Leone entwickelt werden, zeigen nicht nur heute unerwartete Ergebnisse vor Ort, sondern können auch dazu beitragen, in Zukunft ähnliche Epidemien einzudämmen.

Die ACT- und PROSOCIAL- Projekte zeigen, dass Akzeptanz, Achtsamkeit und Werteorientierung mit gemeinschaftlichem Handeln verbunden werden können, um einen Unterschied zu machen. Das setzt aber voraus, dass wir rechtzeitig handeln, um die notwendigen Ressourcen vor Ort zu schaffen. Einheimische können durch die Fortschritte der Verhaltenswissenschaft, nicht nur durch Technologie oder Medizin, ermächtigt werden, weitreichende soziale Veränderungen zu schaffen. Den Herausforderungen der modernen Welt zu begegnen, verlangt nichts weniger als dies.

(Deutsche Übersetzung: K. Grabowski)