Die ACTive Oberstufe

Jugendliche werden zu Multiplikatoren für Achtsamkeit, ACT & Co.

Dieser Artikel ist übernommen von www.actpraxis.de, er wird dort aktualisiert. 

Im März 2018 erzählt Fabian Herdes mir zum ersten Mal vom Projekt „ACTiv“ und hat damit sofort mein Interesse und meine Begeisterung geweckt. Seine neue Aufgabe würde sein, Oberstufen-Schüler_innen ACT zu vermitteln. Und dies auf eine Weise, dass sie im Laufe eines Jahres, selbst zu Multiplikatoren werden könnten, um anschließend nachfolgenden Klassen ihre Erfahrungen zu vermitteln. Inzwischen arbeitet er seit 3 Monaten für das Projekt. Das Konzept steht, die wichtigsten Materialien und die wissenschaftliche Auswertung sind vorbereitet und die erste Präsentation für die Schüler steht kurz bevor.

Initiiert wurde das Ganze von Dr. med. Ansgar Siegmund (Facharzt für Neurologie, Psychiatrie und Psychotherapie und Chefarzt der EUREGIO-Klinik). Er engagiert sich nicht nur für den Einsatz und die Verbreitung von ACT in der Klinik für Psychiatrie, sondern auch dafür, dass ACT ‚in die Fläche‘ kommt. So konnte er die Schulleitung der Berufsbildenden Schulen Gesundheit & Soziales im Landkreis Grafschaft Bentheim, für eine Kooperation gewinnen. Gemeinsam mit der Arbeitsgruppe „gesund aufwachsen“ haben sie dieses Multiplikatoren-Projekt zur Förderung der psychischen Gesundheit von Jugendlichen dann so weit entwickelt, dass es inzwischen vom Land Niedersachsen mit knapp 100.000 Euro gefördert wird.

Das übergeordnete Ziel ist, dass die Schüler_innen ihre Widerstandskraft (Resilienz) stärken, den Einfluss negativer Gedanken und Gefühle reduzieren und Verhaltensweisen erlernen, wie sie ihr Leben bedeutsam gestalten können.

PROJEKTBESCHREIBUNG

Projektzeitraum: März 2018 – Ende Febr. 2020

Projektträger:

EUREGIO-Klinik Hannoverstraße GmbH ( Klinik für Psychiatrie)

Chefarzt und Initiator des Projektes: Dr. med. Ansgar Siegmund (s. Foto)
Projektleiter: Dipl.-Psych. Fabian Herdes (s. Foto)
Albert-Schweitzer-Straße 10, 48527 Nordhorn
www.euregio-klinik.de

Berufsbildende Schulen Gesundheit und Soziales Landkreis Grafschaft Bentheim

Schulleiter: Herr Oberstudiendirektor Marheineke (s. Foto)
Stellvertretende Schulleiterin: Frau Studiendirektorin Bölle (s. Foto)
Am Bölt 5, 48527 Nordhorn
www.bbsgs-nordhorn.de

Gesundheitsamt der Grafschaft Bentheim

Landkreis Grafschaft Bentheim
van-Delden-Straße 1-7, 48529 Nordhorn
www.grafschaft-bentheim.de

Ablauf des Projekts:

März – Juli 2018: Projekt starten und ein Konzept (Stundenplan) über 80 bzw. 120 Stunden erstellen, wie die theoretischen Grundlagen und praktischen Fähigkeiten zeitlich verteilt und aufeinander aufbauend den Schüler_innen der Klasse 12 vermittelt werden sollen.

Ab Aug. 2018 (mit Beginn des Schuljahres 18/19): Schüler_innen, die sich freiwillig für dieses Projekt gemeldet haben, werden über 80 Stunden (2h/Woche) anhand dieses Konzeptes unterrichtet.

Ab Aug. 2019 (Schuljahr 19/20): Die Schüler_innen der ersten ‚Welle‘ geben das Gelernte im darauffolgenden Schuljahr über 40h (ebenfalls 2h/Woche) an die Schulklasse darunter weiter. Aus dieser 12. Klasse sollen dann wieder Freiwillige hervorgehen, die die Grundlagen und Fähigkeiten im nächsten Jahr (Schuljahr 20/21, wenn sie selbst in der 13 sind) wieder an die 12’er weitergeben.

2020 – … Die Idee ist, dass sich das Projekt mittelfristig ‚verselbständigt‘ und ‚ausbreitet‘. Es ist vorgesehen, dass, je nach Möglichkeiten der Schule, auch andere Klassen und Schüler von anderen Schulformen dazu stoßen können.

Vorgesehene Unterrichtsinhalte:

1. Grundlagen zur Verhaltenspsychologie und Verhaltenstherapie
Konditionierung: Wie entstehen Gedanken, Gefühle und Verhaltensweisen? Wie hängen diese zusammen? Wie äußert sich das im Alltag? Wie entsteht Psychopathologie aus Sicht der Verhaltenstherapeuten?

2. Grundlagen zur Akzeptanz- und Commitment-Therapie
Grundannahmen von ACT: Was ist das „Problem des Problemlösens“? Wie entsteht Psychopathologie aus ACT-Sicht? Und wie kann man ACT nutzen, um sein eigenes Leben (d.h. subjektives Erleben) zu verbessern? Wofür steht Psychische Flexibilität, Resilienz und Selbstwirksamkeit?

3. Kreative Hoffnungslosigkeit
Innere vs. äußere „Probleme“: Wo sind die „Grenzen“, beim „Lösen“ von emotionalen „Problemen“? Welche eigenen typischen Kontrollbemühungen kennen die Schüler_innen? Wie unterscheidet sich ’sauberes‘ Leiden von ’schmutzigem‘? Wofür kann es manchmal hilfreich sein, die eigenen, ankonditionierten Bewältigungsstrategien und Glaubenssätze kritisch zu hinterfragen?

4. Die 6 ACT-Kernprozesse
Sechs Kernfähigkeiten: Was bedeutet Achtsamkeit, Akzeptanz, kognitive Defusion, Selbst-als-Kontext, Werte, und Engagiertes Handeln im ACT-Kontext? Wie lassen sie sich erleben? Wieso liegt eine besondere Betonung auf der Achtsamkeit? Und wieso passieren die anderen 5 Prozesse bei voranschreitender Achtsamkeit fast automatisch?

5. Verhaltensänderung
Konkrete Gewohnheiten entwickeln: Wie entstehen Gewohnheiten? Welche Tipps und Tricks gibt es, um sich „positive“ Verhaltensweisen (basierend auf den eigenen Werten und Zielen) leichter anzueignen und wie spielen die 6 ACT-Kernprozesse dabei zusammen? Wie lassen sich ’negative‘ Gewohnheiten ‚ablegen‘? Und welche Techniken machen es leichter, den „Schalter umzulegen“?

6. Gewaltfreie Kommunikation
GFK, Gewaltfreie Kommunikation nach Marshall B. Rosenberg: In welchen Grundannahmen stimmen ACT und GFK überein? Welche „gemeinsamen Ziele“ verfolgen die beiden Methoden? Wie kann die Kommunikation mit Freunden, Familie, Mitschülern, Lehrern, etc. auch in schwierigen Situationen besser gelingen? Wie kann mensch z.B. in Streitgesprächen konstruktive Lösungen finden? Und wie auf der Basis von Kooperation und Mitgefühl handeln, anstatt geleitet von Wut oder dergleichen?

Während des Unterrichts schreiben die Schüler eine Facharbeit über einen von ihnen selbst ausgesuchten Teilbereich. Dieses „wissenschaftliche“ Arbeiten vertieft die Beschäftigung mit dem Thema zusätzlich.

Evaluation:

Die Schüler_innen der Berufsbildende Schule für Gesundheit und Soziales in Nordhorn sind mit Gesundheitsthematiken (und in geringem Maße auch mit Psychologie) vertraut und können zumindest eine Affinität für diese Thematik vorweisen.

Das gesamte Projekt wird durch Vorher-Nachher-Messungen wissenschaftlich evaluiert. Dabei wird untersucht:

  • Inwiefern konnten die Schüler_innen die Fähigkeiten und Grundgedanken übernehmen (ACT-spezifische Fragebögen)?
  • Inwiefern hat ihnen das zu mehr ‚Wohlbefinden‘ geholfen (allgemeiner Fragebogen zur psychischen Gesundheit)?
  • Und wie gut hat ihnen das Projekt insgesamt gefallen (subjektive Bewertung und Kritik der Schüler)?

Die Ergebnisse wird Fabian Herdes nach Abschluss des Projekts in einem wissenschaftlichen Bericht für das Gesundheitsamt zusammenfassen und mit seine eigenen Erfahrungen, wie auch mit den Erfahrungen der Schüler_innen und Lehrer_innen ergänzen.

Veröffentlichung:

Inwieweit und auf welchem Wege dieser Abschlussbericht dann veröffentlicht wird, ist noch nicht entschieden.

Der OpenSource-Idee folgend, will Fabian Herdes seine „Materialien“ (Stundenplan, Arbeitsblätter, Metaphern, Übungen und dergleichen) offen legen und jedem zur Verfügung stellen, der Interesse daran hat.

In einer Mail schrieb er mir dazu: “ Es gäbe für mich nichts Schöneres, als wenn dieses Projekt einen Impuls geben würde, auch in anderen Gebieten ähnliche Projekte ins Leben zu rufen!“ Und er freut sich schon darauf, dass andere Materialien von ihm übernehmen, sie vielleicht auch verbessern und so die Grundgedanken von ACT weiter in die Gesellschaft tragen.

Wie geht’s weiter?

Darüber, wie sich das Projekt weiter entwickelt, werde ich in den nächsten ACT PRAXIS IMPULSEN berichten.

Falls Sie Erfahrungen, Ideen oder Anregungen haben, die das Projekt vielleicht unterstützen könnten, wenden Sie sich bitte direkt an Fabian Herdes (fabian.herdes@gmail.com). Gleiches gilt, wenn Sie den Austausch suchen … weil Sie vielleicht selbst etwas Ähnliches umsetzen wollen?

Und sollten Sie in Ihrer Schule auch bereits ACT & Co. einsetzen … oder von einem ähnlichen Projekt wissen … dann schreiben Sie uns bitte (info@actpraxis.de). Es ist uns ein Anliegen solche Projekte im deutschsprachigen Raum miteinander zu vernetzen.