Die ACTive Oberstufe

Jugendliche werden zu Multiplikatoren für Achtsamkeit, ACT & Co.

Update zum Artikel vom 20.06.2018 — Den Original-Artikel finden Sie zusammen mit der Projektbeschreibung und weiteren Informationen zu Ablauf und Hintergrund auf www.actpraxis.de.

Anfang August, mit Beginn des Schuljahres 2018/2019, ist das Projekt „ACTiv“ an den Berufsbildenden Schulen für Gesundheit & Soziales in Northeim in die konkrete Umsetzung gestartet. Seither sammeln die Schüler*innen jetzt Erfahrungen mit Achtsamkeit, ACT und auch GFK mit dem Ziel, dass sie später selbst zu Multiplikator*innen für diese Themen werden können.

Update im Dezember

Nach einer Schilderung der Einstiegsphase (s.u.) schrieb mir Fabian Herdes, der verantwortliche Projekt-Leiter, Anfang Dezember zum aktuellen Stand:

„Bzgl. des Unterrichts gibt es eigentlich keine großen Neuigkeiten. Wir haben die ‚Einleitung‘ abgeschlossen (einschließlich Kreativer Hoffnungslosigkeit) und beginnen morgen ganz konkret mit den sechs Kernprozessen. Akzeptanz und Bereitschaft stehen hier an erster Stelle, gefolgt von Achtsamkeit.
Interessant ist vielleicht auch, dass die Schüler*innen kürzlich eine Klausur geschrieben haben, die gut ausgefallen ist. Viele Schüler*innen haben ein gutes Verständnis für den vermittelten Stoff ’nachweisen‘ können, was mich sehr gefreut hat! Auch die Unterrichtsbeteiligung der Schüler ist stark gestiegen, woraus ich schließe, dass durchaus Interesse am Stoff und Spaß am Unterricht besteht.
Ich stelle (möglichst) viele offene Fragen, um die Schüler*innen nachdenken zu lassen, bevor ich die ‚Lösung verrate‘. Auch hier wird deutlich sichtbar, dass viele Schüler*innen sich Gedanken machen und es kommen sehr, sehr viele gute Impulse und Ideen zur Sprache.
Alles in allem läuft der Unterricht meiner Meinung nach also sehr gut. Aufgrund dessen habe ich Spaß an der Vermittlung und ich denke, das färbt positiv auf die Schüler*innen ab. Sie fühlen sich frei und es ist immer Raum für ein Spielchen oder ein Witz da, sodass keine ‚verklemmte‘ oder gar ‚angespannte‘ Stimmung entsteht. Das ist meiner Meinung nach sehr wichtig, wenn man sich über intime Angelegenheiten Gedanken machen muss oder gar austauschen soll (wobei dazu natürlich niemand gedrängt wird).“

Zusammenfassung der Einstiegsphase

Abschnitt 1 – Konditionieren bis KVT (August und September)

Einleitung:
Nach allgemeiner Einleitung der Lehrer in die Projektphase der Schule und Besprechung organisatorischer Aspekte blieben mir ca. 45 Minuten der ersten Doppelstunde. Diese nutzte ich dann zunächst, um die inhaltlichen Ziele des Kurses zu benennen und näher zu erläutern (Psychische Flexibilität, Resilienz, Selbstwirksamkeit). Anschließend bin ich auf den Stundenplan eingegangen, sodass die Schüler einen groben Überblick über das, was noch kommt, bekommen haben. In diesem Kontext wurden auch organisatorische Aspekte wie etwa die Facharbeit besprochen. Zu guter Letzt wurden dann die Fragebögen einschließlich Einwilligungserklärung ausgeteilt.

Klassisches und operantes Konditionieren:
Die zweite Doppelstunde beschäftigte sich mit den grundlegenden Funktionsweisen unseres Verstandes und Verhaltens in Form von Konditionierung. Inhaltlich habe ich mich hier auf die Aspekte des Konditionierens beschränkt, die für den weiteren Inhalt des Projekts relevant sind und habe so schnell den Umschwung zu Konditionierungsprozessen im menschlichen Alltag machen können (= praxisnah). Durch regelmäßiges Fragenstellen und Arbeitsblätter konnte ich sehen, dass der vermittelte Stoff verstanden wurde.

Notizen: Im Vergleich zur ersten Doppelstunde hatte ich das Gefühl, die Schüler hier besser und aktiver mit eingebunden zu haben. Die Schüler wirkten aufmerksamer als in der ersten Doppelstunde.

SORK-Modell und KVT:
Auf der zweiten Doppelstunde aufbauend, kam in dieser Stunde das SORK-Modell als Erweiterung der Konditionierungsprozesse. Vor allem zentral stand hierbei die Automatisierung der ankonditionierten Denk- und Verhaltensweisen und die Konsequenzen der Automatisierung: psychische Inflexibilität. Danach begann ich mit der Kognitiven Verhaltenstherapie und inwiefern diese Automatismen dabei eine Rolle spielen. Zunächst ging es hierbei um „Kognitive Umstrukturierung“ des „wichtigsten, automatischen, negativen Gedankens“.

Notizen: Trotz einer theorielastigen Stunde, die vor allem aus Frontalunterricht bestand, haben die Schüler sehr gut mitgearbeitet. Der Großteil schien interessiert und hat sich bei offenen Fragen gemeldet. Des Öfteren überraschten mich die Tiefe und Weitsichtigkeit in Antworten der Schüler und Schülerinnen.

KVT, Grenzen der KVT, „Das Problem des Problemlösens“
Die vierte Doppelstunde schloss – wie geplant – den ersten Abschnitt, die theoretische Grundlage für die Akzeptanz- und Commitment Therapie, ab. In dieser Stunde ging es darum, wie die KVT konkretes Verhalten von Patienten zu ändern versucht, in welchen Fällen das gut ist und in welchen Fällen es eben nicht zum gewünschten Erfolg führt. „Das Problem des Problemlösens“ bietet einige interessante Erklärungsansätze für die Grenzen der KVT und bietet gleichzeitig die Grundlage für die Entstehung von ACT. Dementsprechend wurde dieser Aspekt umfangreich besprochen und durch mehrere Arbeitsblätter wurden die Schüler zur Selbstreflektion ermutigt.

Notizen: Dies war der Abschnitt, der zunächst inhaltlich am wenigsten mit den SuS zu tun hat – also am wenigsten am Alltag orientiert ist. Dennoch hatte ich das Gefühl, dass der Großteil der Schüler zuhörte und mitdachte. Als dann der Umschwung zur eigenen Situation und zum Alltag „gesunder“ Menschen kam, wurden die Schüler aktiver. Darüber hinaus habe ich das Gefühl, dass die Schüler sich frei fühlen, über ihre Gedanken und Gefühle zu sprechen, ohne (große) Scham oder ähnlichem dabei – was durchaus sehr wichtig für das gesamte Projekt ist.

Auswertung und Reflektion

Am Ende des ersten Abschnitts habe ich die Schüler gebeten, anonym schriftlich 3 Fragen zu beantworten:
a. Was konnten sie bisher lernen?
b. Was fanden sie gut und interessant am Unterricht und
c. was fanden sie nicht gut oder langweilig?
Äußerst erfreulich war, dass die Schüler eine lange Liste von Dingen bei Frage 1 aufzählen konnten, woraus hervorging, dass sie nicht nur bspw. die letzte Stunde im Kopf hatten. Sie bezogen sich auch auf Inhalte und Arbeitsblätter aus vorherigen Stunden. Einstimmig beschrieben die Schüler die bisher behandelten Thematiken als „sehr interessant“, einige betonten auch die „persönliche Betroffenheit“ im dem Sinne, dass der Kurs dazu anregt, über sich selbst, sein eigenes Verhalten, seine eigenen Gedanken und Gefühle nachzudenken.
In Anbetracht der theorielastigen Stunden, die vor allem grundlegendes und notwendiges Wissen aus der Psychologie vermitteln sollten, war dies ein positiv überraschender Aspekt. Die eigentlichen Aufgaben und Inhalte zur Selbstreflektion sollen nämlich noch kommen.

Wie zu erwarten war, äußerten die Schüler auch eben diesen Kritikpunkt: „Es ist sehr theorielastig und sehr viel Stoff.“ Obwohl mir das für die Schüler, und für mich, sehr leid tut, ließ es sich in diesem Kontext leider nicht ändern, denn:
a. Durch die (regelmäßige) Einkürzung der mir zur Verfügung stehenden Stunden muss ich einigermaßen zügig durch den Stoff durch
b. Die Thematik der Kognitiven Verhaltenstherapie und in gewissem Maße das SORK-Modell sind stark problemorientierte Herangehensweisen, die nicht an Schulen oder dergleichen unterrichtet werden. Das heißt, es gibt keine Arbeitsblätter oder Übungen für Schüler, die es in einen allgemeineren Kontext setzen.
c. Ausnahmen sind psychoedukative Arbeitsblätter – jedoch sind diese ebenfalls stark problemorientiert und auch sehr theorielastig. Diese zu verteilen würde also im Verhältnis zum Zeitaufwand keinen Mehrwert bieten.

Zusammenfassend ergab das Feedback also ein äußerst positives Bild. Die negativen Kritikpunkte sind definitiv in Arbeit und werden auch ausgebessert. Schon vor Beginn des Unterrichts war klar, dass der erste Abschnitt sehr theorielastig wird. Spätere Abschnitte hingegen enthalten nur sehr wenig Theorie und dann vor allem in Form von Erklärungen für das, was die Schüler in Übungen erlebt haben.

PROJEKTBESCHREIBUNG

Initiiert wurde das Projekt von Dr. med. Ansgar Siegmund (Facharzt für Neurologie, Psychiatrie und Psychotherapie und Chefarzt der EUREGIO-Klinik). Er engagiert sich nicht nur für den Einsatz und die Verbreitung von ACT in der Klinik für Psychiatrie, sondern auch dafür, dass ACT ‚in die Fläche‘ kommt. So konnte er die Schulleitung der Berufsbildenden Schulen Gesundheit & Soziales im Landkreis Grafschaft Bentheim, für eine Kooperation gewinnen. Gemeinsam mit der Arbeitsgruppe „gesund aufwachsen“ haben sie dieses Multiplikatoren-Projekt zur Förderung der psychischen Gesundheit von Jugendlichen dann so weit entwickelt, dass es inzwischen vom Land Niedersachsen mit knapp 100.000 Euro gefördert wird.

Das übergeordnete Ziel ist, dass die Schüler*innen ihre Widerstandskraft (Resilienz) stärken, den Einfluss negativer Gedanken und Gefühle reduzieren und Verhaltensweisen erlernen, wie sie ihr Leben bedeutsam gestalten können.

Projektzeitraum: März 2018 – Ende Febr. 2020

Projektträger:

EUREGIO-Klinik Hannoverstraße GmbH ( Klinik für Psychiatrie)
Albert-Schweitzer-Straße 10, 48527 Nordhorn
www.euregio-klinik.de

Berufsbildende Schulen Gesundheit und Soziales Landkreis Grafschaft Bentheim
Am Bölt 5, 48527 Nordhorn
www.bbsgs-nordhorn.de

Gesundheitsamt der Grafschaft Bentheim
van-Delden-Straße 1-7, 48529 Nordhorn
www.grafschaft-bentheim.de

Ablauf:

März – Juli 2018: Projekt starten und ein Konzept (Stundenplan) über 80 bzw. 120 Stunden erstellen, wie die theoretischen Grundlagen und praktischen Fähigkeiten zeitlich verteilt und aufeinander aufbauend den Schüler*innen der Klasse 12 vermittelt werden sollen.

Ab Aug. 2018 (mit Beginn des Schuljahres 18/19): Schüler*innen, die sich freiwillig für dieses Projekt gemeldet haben, werden über 80 Stunden (2h/Woche) anhand dieses Konzeptes (s.u.) unterrichtet.

Ab Aug. 2019 (Schuljahr 19/20): Die Schüler*innen der ersten ‚Welle‘ geben das Gelernte im darauffolgenden Schuljahr über 40h (ebenfalls 2h/Woche) an die Schulklasse darunter weiter. Aus dieser 12. Klasse sollen dann wieder Freiwillige hervorgehen, die die Grundlagen und Fähigkeiten im nächsten Jahr (Schuljahr 20/21, wenn sie selbst in der 13 sind) wieder an die 12’er weitergeben.

2020 – … Die Idee ist, dass sich das Projekt mittelfristig ‚verselbständigt‘ und ‚ausbreitet‘. Es ist vorgesehen, dass, je nach Möglichkeiten der Schule, auch andere Klassen und Schüler von anderen Schulformen dazu stoßen können.

Vorgesehene Unterrichtsinhalte:

1. Grundlagen zur Verhaltenspsychologie und Verhaltenstherapie
Konditionierung: Wie entstehen Gedanken, Gefühle und Verhaltensweisen? Wie hängen diese zusammen? Wie äußert sich das im Alltag? Wie entsteht Psychopathologie aus Sicht der Verhaltenstherapeuten?

2. Grundlagen zur Akzeptanz- und Commitment-Therapie
Grundannahmen von ACT: Was ist das „Problem des Problemlösens“? Wie entsteht Psychopathologie aus ACT-Sicht? Und wie kann man ACT nutzen, um sein eigenes Leben (d.h. subjektives Erleben) zu verbessern? Wofür steht Psychische Flexibilität, Resilienz und Selbstwirksamkeit?

3. Kreative Hoffnungslosigkeit
Innere vs. äußere „Probleme“: Wo sind die „Grenzen“, beim „Lösen“ von emotionalen „Problemen“? Welche eigenen typischen Kontrollbemühungen kennen die Schüler_innen? Wie unterscheidet sich ’sauberes‘ Leiden von ’schmutzigem‘? Wofür kann es manchmal hilfreich sein, die eigenen, ankonditionierten Bewältigungsstrategien und Glaubenssätze kritisch zu hinterfragen?

4. Die 6 ACT-Kernprozesse
Sechs Kernfähigkeiten: Was bedeutet Achtsamkeit, Akzeptanz, kognitive Defusion, Selbst-als-Kontext, Werte, und Engagiertes Handeln im ACT-Kontext? Wie lassen sie sich erleben? Wieso liegt eine besondere Betonung auf der Achtsamkeit? Und wieso passieren die anderen 5 Prozesse bei voranschreitender Achtsamkeit fast automatisch?

5. Verhaltensänderung
Konkrete Gewohnheiten entwickeln: Wie entstehen Gewohnheiten? Welche Tipps und Tricks gibt es, um sich „positive“ Verhaltensweisen (basierend auf den eigenen Werten und Zielen) leichter anzueignen und wie spielen die 6 ACT-Kernprozesse dabei zusammen? Wie lassen sich ’negative‘ Gewohnheiten ‚ablegen‘? Und welche Techniken machen es leichter, den „Schalter umzulegen“?

6. Gewaltfreie Kommunikation
GFK, Gewaltfreie Kommunikation nach Marshall B. Rosenberg: In welchen Grundannahmen stimmen ACT und GFK überein? Welche „gemeinsamen Ziele“ verfolgen die beiden Methoden? Wie kann die Kommunikation mit Freunden, Familie, Mitschülern, Lehrern, etc. auch in schwierigen Situationen besser gelingen? Wie kann mensch z.B. in Streitgesprächen konstruktive Lösungen finden? Und wie auf der Basis von Kooperation und Mitgefühl handeln, anstatt geleitet von Wut oder dergleichen?

Während des Unterrichts schreiben die Schüler eine Facharbeit über einen von ihnen selbst ausgesuchten Teilbereich. Dieses „wissenschaftliche“ Arbeiten vertieft die Beschäftigung mit dem Thema zusätzlich.

Evaluation:

Die Schüler*innen der Berufsbildende Schule für Gesundheit und Soziales in Nordhorn sind mit Gesundheitsthematiken (und in geringem Maße auch mit Psychologie) vertraut und können zumindest eine Affinität für diese Thematik vorweisen.

Das gesamte Projekt wird durch Vorher-Nachher-Messungen wissenschaftlich evaluiert. Dabei wird untersucht:

  • Inwiefern konnten die Schüler*innen die Fähigkeiten und Grundgedanken übernehmen (ACT-spezifische Fragebögen)?
  • Inwiefern hat ihnen das zu mehr ‚Wohlbefinden‘ geholfen (allgemeiner Fragebogen zur psychischen Gesundheit)?
  • Und wie gut hat ihnen das Projekt insgesamt gefallen (subjektive Bewertung und Kritik der Schüler*innen)?

Die Ergebnisse wird Fabian Herdes nach Abschluss des Projekts in einem wissenschaftlichen Bericht für das Gesundheitsamt zusammenfassen und mit seinen eigenen Erfahrungen, wie auch mit den Erfahrungen der Schüler*innen und Lehrer*innen ergänzen.

Veröffentlichung:

Inwieweit und auf welchem Wege dieser Abschlussbericht dann veröffentlicht wird, ist noch nicht entschieden.

Der OpenSource-Idee folgend, will Fabian Herdes seine „Materialien“ (Stundenplan, Arbeitsblätter, Metaphern, Übungen und dergleichen) offen legen und jedem zur Verfügung stellen, der Interesse daran hat.

In einer Mail schrieb er mir dazu: „Es gäbe für mich nichts Schöneres, als wenn dieses Projekt einen Impuls geben würde, auch in anderen Gebieten ähnliche Projekte ins Leben zu rufen!“ Und er freut sich schon darauf, dass andere Materialien von ihm übernehmen, sie vielleicht auch verbessern und so die Grundgedanken von ACT weiter in die Gesellschaft tragen.

Wie geht’s weiter?

Darüber, wie sich das Projekt weiter entwickelt, werde ich in den nächsten ACT PRAXIS IMPULSEN berichten.

Falls Sie Erfahrungen, Ideen oder Anregungen haben, die das Projekt vielleicht unterstützen könnten, wenden Sie sich bitte direkt an Fabian Herdes (fabian.herdes@gmail.com). Gleiches gilt, wenn Sie den Austausch suchen … weil Sie vielleicht selbst etwas Ähnliches umsetzen wollen?

Und sollten Sie in Ihrer Schule auch bereits ACT & Co. einsetzen … oder von einem ähnlichen Projekt wissen … dann schreiben Sie uns bitte (info@actpraxis.de). Es ist uns ein Anliegen solche Projekte im deutschsprachigen Raum miteinander zu vernetzen.