Fritten in St. Hedwig

Bericht vom ACT Trainer Treffen am 28. und 29. Oktober 2016 im St. Hedwig-Krankenhaus in Berlin – Text von Mareile Rahming und Bertram Schenkluhn

trainer-treffenZum ersten Mal trafen sich ACT-Trainer aus dem deutschsprachigen Raum zu einem offiziellen „Train the ACT-Trainer Wochenende“. Nachdem es im kleineren Kreise bereits einige Treffen gegeben hatte, gab es nun auf Einladung und Organisation von Beate Ebert, Maria Kensche und Thorsten Kienast die Chance für ein gegenseitiges Lernen, Kennenlernen und Vernetzen. Es gab einen umfangreichen Input von Rainer Sonntag zur funktionellen Verhaltensanalyse und Bezugsrahmentheorie sowie Vorstellungen von Trainingsinhalten von Beate Ebert, Anja Meyer und Johanna Schriefer vor allem zur Vermittlung von verhaltensanalytischer und kontextueller Theorie. Torsten Kienast und Maria Kensche stellten ACT-Lehr-Videos vor. Die Gelegenheit einer persönlichen Begegnung nutzte auch der DGKV-Arbeitskreis „Fort- und Weiterbildung“ am Freitag morgen, bevor das Trainer-Treffen losging. Es wurde geleitet von Beate Ebert, moderiert und protokolliert von Maria Kensche. Es wurde darüber beraten, in welcher Form und wie man inhaltlich die Qualität von ACT-Trainingsangeboten sichern kann und ob und ggf. welche Vorgaben oder Übereinkünfte es dafür geben sollte.

Im Arbeitskreis waren wir uns darüber einig, dass Inhalte weiterhin open source verfügbar sein sollten und dass es gemäß den Richtlinien der ACBS auch im deutschsprachigen Raum weiterhin keine „Zertifizierung“ zum ACT-Therapeuten geben soll. Es wurde ein Statement entwickelt, welches die Haltung der DGKV bzgl. der Vermittlung und Verbreitung von ACT im deutschsprachigen Raum deutlich machen soll: „Die DGKV verpflichtet sich der Verbreitung von ACT als einem Ansatz, der verhaltenswissenschaftlich begründet ist. ACT ist öffentlich und jedem zugänglich. ACT darf beliebig kopiert, verändert, verbreitet und genutzt werden. Dabei soll sich ACT frei weiter entwickeln, orientiert an der Wirksamkeit in Richtung werteorientierter und prosozialer Lebensführung, möglichst wenig eingeschränkt durch den Einfluss ökonomischer Zwänge und Versuchungen.“  Das Statement ist hier auf dgkv.info veröffentlicht.

funktionale-prinzipienGleichzeitig bestand Übereinstimmung darin, inhaltliche Orientierung geben zu wollen, um sicher zu stellen, dass in ACT-Trainings auch ACT vermittelt wird – mit den Worten des Protokolls: „Es wird einstimmig abgelehnt, inhaltliche ‚Standards‘ in der Vermittlung von ACT Inhalten vorzugeben. Alternativ möchte der Arbeitskreis funktional definierte Empfehlungen erarbeiten, die auf der Homepage der DGKV veröffentlicht und sowohl ACT Trainern als auch den Teilnehmenden von ACT-Workshops zugänglich sein sollen (‚Informed Consent‘)“. Diese funktionalen Prinzipien lauten:  Funktionale Verhaltensanalyse; Verhalten und Kontext nicht trennen; Psychische Flexibilität ; Wertorientierung; Unterscheiden lernen (induktiv versus deduktiv); Lernen mit unmittelbaren Erfahrungen; Die Bedeutung von Sprache deutlich machen. Im nachfolgenden Treffen wurde noch ergänzt: Therapeutische Haltung “Mensch zu Mensch“. Diese Prinzipien bedürfen noch inhaltlicher Ausgestaltung.

Am Freitag Nachmittag kamen dann Trainer mit sehr unterschiedlichen Erfahrungshintergründen im größeren Kreis zusammen – zur allerseitigen Freude live und in Farbe, nach vielen vorherigen Zusammenkünften per Email und Telefon. Dabei gab es eine große Bandbreite von Erfahrung und Hintergrund. Nach einem kurzen gegenseitigen Vorstellen wurden kurz Prinzipien für ACT-Workshops vorgestellt, die mit der Idee einer gewissen Standardisierung und Qualität in der Weiterbildung im Arbeitskreis am Vormittag gesammelt worden waren. Davon ausgehend stiegen wir direkt in die vorbereiteten Beiträge ein, wobei uns Rainer Sonntag großartigerweise den ganzen Freitag Nachmittag grundlegendes Wissen zu Prinzipien der funktionalen Verhaltensanalyse und Relational Frame Theory erläuterte. Wenn nichtsahnende Außenstehende den Ausführungen und unseren Diskussionen über Transformation von Reizfunktionen oder über das automatisierte Bezugnehmen am Beispiel von „Fritten“ pommeszugehört hätten, wäre uns wohl irritiertes Kopfschütteln gewiss gewesen. Die Ernsthaftigkeit und inhaltliche Tiefe von Rainers Workshop sowie sein Modell als Workshop-Leiter waren ein toller Einstieg in das Trainer-Wochenende. Bei Lakritz, Wasser und Kaffee konnten wir uns in den Pausen austauschen, wiedersehen und neu kennenlernen.

In „Clärchens Ballhaus“ setzte sich bei Kerzenschein in altberliner Festsaal-Ambiente der persönliche Austausch bei Pizza, herbstlichen Gerichten, Wein und Bier fort. So wurden zum Beispiel Anekdoten aus den genuss-orientierten Anfängen deutschsprachiger Trainings bei Rainer Sonntag erzählt wie auch Erfahrungen interkultureller Erfahrungen  mit ACT diskutiert und Ideen zur Verwendung von Videos bei Trainings ausgetauscht.

Am Samstag Morgen stellte Beate Ebert eine Möglichkeit für einen Einstieg in einen ACT-Einführungs-Workshop vor und bot damit den Kontext für vielseitige inhaltliche Diskussionen. Themen waren beispielsweise die Nützlichkeit von Begriffen analog zur klassischen KVT wie z.B. „Auslöser“ im Gegensatz zu wissenschaftlich exakten Begrifflichkeiten aus Sicht der Contextual Behavioral Science oder das unterschiedliche Ausgestalten einer von Beate Ebert vorgestellten Metapher für das ACT-Modell. Im weiteren Verlauf stellten Maria Kensche und Thorsten Kienast ein Beispiel-Video für ACT-Lernende vor, was lebhafte Diskussionen über die Möglichkeiten und Limitationen eines solchen Videos hervorrief, insbesondere in Bezug auf die im Workshop-Verlauf immer wieder angesprochene therapeutische Haltung. Nach dem Mittagessen stellte Anja Meyer ein Beispiel zur Unterscheidung von ACT und KVT für Psychotherapeuten in Weiterbildung vor, Johanna Schriefer zeigte ein Beispiel für eine Kurz-Einführung in ACT.

Mit den lebhaften Diskussionen und der gegenseitigen Offenheit war das Wochenende eine wertvolle Erfahrung und tolle Möglichkeit, in der eigenen und gemeinsamen Entwicklung als ACT-Trainer voran zu kommen. Nächste Termine für die Wiederholung des Trainer-Treffens wurden bereits in Auge gefasst: eine kurzes Zeitfenster im Rahmen der DGKV-Tagung im November 2017 in Weinheim und dann wieder am 27.-28. April 2018 in Berlin. Dann wird es mehr Gelegenheit geben, ACT miteinander zu trainieren, eigene Inhalte zu testen und sich darüber auszutauschen – lebendig, offen und engagiert.

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Zitate einger TeilnehmerInnen

„Viel gelernt und mitgedacht … beeindruckt über die Ideen und Tiefe in den Präsentationen, die wir zu sehen und hören bekamen … mit ultrakurzen Übungen zwischendurch … ‚Ich werde sterben; du wirst sterben; wir haben jetzt diesen Moment zusammen.‘ hat mich tief berührt.“

„Ich bin vom Treffen gekommen und habe mich sehr beschenkt gefühlt. All die Anregungen, die Großzügigkeit, mit der auch Wissen und Folien geteilt werden. Vielen vielen Dank Rainer und Beate, Anja, Johanna, Thorsten, Maria und allen anderen. Vor allem, uns endlich (wieder) zu begegnen, haben mir sehr gut getan. “

„Ich merke jetzt im Nachhinein, wie bereichert ich mich fühle durch das Treffen, ich schätze die Art des achtsamen, offenen, engagierten miteinander Lernens in verschiedenen Formaten sehr. Ich hoffe sehr, dass wir diese Offenheit behalten und uns weiter Lern- und Erfahrungsräume schaffen, wo wir uns begegnen können … jenseits von richtig und falsch … und ich bin sehr neugierig, wie wir unser nächstes Trainertreffen gestalten werden im Spannungsfeld von Erklären und Erfahren, von Theorie und praktischer Übung.“