Interview mit Beate Ebert zu Ebola in Sierra Leone

Unser Vorstandsmitglied (2. Vorsitzende) Beate Ebert ist seit Jahren in Sierra Leone im Sinne von ACT engagiert (s.a.: Präsentation zu Sierra Leone und die Projekt-Seite). Anlässlich der Ausbreitung von Ebola auch in diesem Land habe ich (Gerhard Kugler, G.K.) sie um ein Interview gebeten. Verwiesen sei auch auf einen Blog-Eintrag von Steven Hayes, der sich auf dieses Projekt bezieht. (Übersetzung in diesem Beitrag und ein weiterer Blog-Eintrag von Hayes hier.)

G.K.: Beate, wie kamst du zu Sierra Leone?

Beate: Ich habe mich mit der Frage auseinandergesetzt, worum es in meinem Leben gehen soll; ich wollte gerne einen sinnvollen Beitrag leisten, habe selbst so viel Gutes in meinem Leben. Dazu habe ich Workshops einer Erwachsenenbildungsorganisation, Landmark Education, in den USA besucht und dort eine neue Freundin gefunden, Sarah Culberson, die sich mit der gleichen Frage beschäftigt hat. Ihr Vater ist Sierra Leoner. Sie hat dies erst mit fast 30 Jahren herausgefunden, da sie adoptiert war. Seitdem setzt sie sich zusammen mit ihrer Adoptivfamilie für die Menschen im Stamm ihres Vaters, dem Mende-Stamm, ein. Sie hält Vorträge über ihr Leben und bei einem dieser Vorträge hörte ich von ihr, was im Bürgerkrieg passiert war, und wie stark viele Menschen traumarisiert wurden. Da kam mir zum ersten Mal der Gedanke, Sierra Leone könnte ein guter Platz sein, als Psychotherapeutin einen sinnvollen Beitrag zu leisten. Was folgte, waren viele Gespräche, mit Sarah, ihrem leonischen Vater, Menschen, die bereits in Sierra Leone arbeiteten, später auch mit Kollegen der ACBS. Mit Freunden habe ich commit + act gegründet, um mit Spendengeldern unsere Arbeit zu finanzieren.
Wir haben schnell herausgefunden, dass der effektivste Ansatz ist, Therapeuten im Land auszubilden, da sie die Sprache und den kulturellen Kontext kennen und ACT viel effektiver auf ihre Probleme anwenden können als wir. Dann gab es ein paar sehr mutige Kollegen, DJ Moran und JoAnne Dahl waren die ersten, die mit mir nach Sierra Leone fuhren und die ersten Workshops leiteten. Wir haben schnell leonische Kollegen gefunden, die den ACT Ansatz so hilfreich fanden, dass sie die Arbeit an ihre Kollegen weiter gegeben haben und weitere Workshops sowie Supervisionen organisiert haben, vor allem Hannah Bockarie, die auch das psychosoziale Zentrum leitet, das wir im Süden des Landes, in Bo, im Januar 2014 eröffnet haben.

Wie könnt ihr auf euren bisher vermittelten Fähigkeiten aufbauen?

Wir haben in Einführungs- und Fortgeschrittenen-Workshops die ACT Prozesse vermittelt, sich offen, achtsam und engagiert zu verhalten – was man Menschen in Sierra Leone nicht beibringen muss, es ist Teil ihrer Kultur, sich für ihre Familie und Gemeinschaft zu engagieren. Lediglich, die Idee, diese Fähigkeit auf sich selbst und z.B. eigene traumatische Erlebnisse im Krieg anzuwenden, war neu für sie und sehr hilfreich.
Einem unserer Teilnehmer wurde im Krieg ein Auge zerstört, deshalb musste er seinen Traum, Priester zu werden, aufgeben, weil er nicht mehr richtig lesen konnte. Er hat in einer Übung gesehen, dass er als Priester vor allem für die Menschen in seiner Gemeinschaft da sein wollte. Es war für ihn sehr befreiend und beglückend zu sehen, dass er diesen Wert auch bei seiner jetzigen Arbeit als Therapeut für Blinde verwirklicht, das war ihm vorher nicht bewusst und er konnte aufhören, mit seinem Schicksal zu hadern.

Welche Fähigkeiten sind da gefragt, um die es euch geht?

Akzeptanz war ein ganz wichtiger Baustein: es ist in Ordnung und sogar notwendig und hilfreich, schwierige Erlebnisse anzunehmen. In fast allen Gruppen war dies ein ganz neuer Gedanke. Vorher war für unsere Teilnehmer Akzeptanz gleichbedeutend mit „aufgeben“ oder „dann habe ich es wohl verdient, dass mir dieses schreckliche Erlebnis zugestoßen ist“. Sie waren sehr erleichtert, die Kraft zu erleben, die aus Akzeptanzübungen entstand. Endlich mussten sie nicht mehr dagegen ankämpfen, dass all diese Gewalt gegen sie und andere stattgefunden hatte. Sie konnten ihre Kraft für die vielfältigen Herausforderungen jetzt in ihrem Leben einsetzen.
Wir haben in den letzten Jahren auch viel mit der Matrix von Kevin Polk gearbeitet, da man in dieser die Basisprozesse gut anschaulich machen kann. Das war die Grundlage für die ProSocial Arbeit, mit der wir jetzt Ebola-Prävention machen. Anhand der Matrix gelingt es Menschen sehr schnell, die Werte in ihrem Leben mit ihren Handlungen zu verknüpfen und zu bemerken, mit welchem Verhalten sie sich oder dem, was ihnen wertvoll ist, eher schaden, und welches Verhalten sie ihren Werten näher bringt. Das ist der Schlüssel zu einer Vermittlung von Verhaltensänderungen, die aufgrund der Ebola-Epidemie notwendig sind, so dass sie in der Kultur auch verständlich sind und angenommen werden.
Die Hygienemaßnahmen, die von westlichen Organisationen vorgeschlagen wurden, stießen oft auf Widerstand, da sie mit den religiösen Bräuchen der Menschen kollidierten. Dadurch, dass unsere einheimischen Kollegen die Menschen über die Wirkung von Viren und die Übertragung von Ebola informieren und dann mit ihnen gemeinsam Verhaltensweisen entwickeln um die Ansteckung zu verhindern, ist die Akzeptanz und die Umsetzungsquote vermutlich sehr viel höher. Leider ist das wissenschaftlich in dieser Notsituation kaum nachprüfbar. Unsere Kollegen berichten allerdings darüber, dass ihre Landsleute sehr dankbar für die Aufklärung sind und dass sie bereit sind, das neue Verhalten durchzuführen.

Geht es auch um den Umgang mit Angst?

Die Menschen in Sierra Leone haben die gleichen Ängste wie wir: zu versagen, von anderen ausgelacht oder niedergemacht zu werden, ihre Aufgaben als Vater/Mutter nicht gut zu erfüllen Dazu kommen Problembereiche die wir nicht kennen: über 10 Jahre nach Kriegsende gibt es z.B. immer noch Kindersoldaten, die sich nicht trauen, zu ihren Familien und Dörfern zurückzukehren, weil sie Angst haben, zurückgewiesen und beschimpft zu werden, weil sie gezwungen wurden, Menschen umzubringen und zu verstümmeln.
Auch in dieser Krisensituation wegen Ebola geht es um Angst und darum, dass unsere angstgesteuerten Verhaltensweisen meist nicht die sinnvollsten sind. Die Aufklärung über Viren reduziert Angst bei den Menschen und durch die nachfolgende gemeinsame Erarbeitung erleben sie, dass sie aktiv dazu beitragen können, dass Ebola sich nicht weiter ausbreitet. Dies gibt ihnen ein Gefühl von Kontrolle, das hilfreich ist und Panikreaktionen verhindert.

Aber das wäre ja eher nicht ACT: die Kontrolle, die die Angst oder Panik verhindert

Die Angst vor Ebola ohne Wissen über die physiologischen Zusammenhänge ist irrational. Die Menschen haben z.B. Angst, dass es Ebola gar nicht gibt sondern dass sie von der Regierung umgebracht werden, weil diese sich einen Vorteil bei den nächsten Wahlen verschaffen will. In der Matrix können sie Angst als etwas einordnen, vor dem sie am liebsten weglaufen wollen. Das ist aber nicht möglich sondern führt zu noch größeren Problemen. Z.B. gehen Menschen, die nicht aufgeklärt sind, nicht mehr ins Krankenhaus, weil sie Angst haben, dort sterben sie, wie fast alle. Das führt zu einer weiteren Ausbreitung der Viren. Es geht nicht um die Vermeidung von Angst sondern um sinnvolle Reaktionen auf die tatsächliche Bedrohung.

Eure Initiative scheint in gewissem Kontrast zu stehen zu einem nach innen gewandten, einzeltherapeutischen, vielleicht sogar „buddhistischen“ Ansatz, den man ACT nachsagen könnte.

Keine Ahnung, was du damit meinst. ACT ist die visionärste, auf äußere Veränderung ausgelegte Methode, die ich kenne.

Wenn sich ACT mit sozialen Prozessen befasst, scheint die Ergänzung etwa der Ostromschen Prinzipien zum Lösen lokaler sozialer Probleme nötig zu sein, die Hayes in seinem Blog auch erwähnt. Ich stimme aber im Grunde deiner Sicht zu: Im Anpacken äußerer Herausforderungen und Visionen erprobt sich der Ansatz erst so richtig.Watch Full Movie Online Streaming Online and Download

Kannst du das mit dem Küssen des Bananen-Baumstamms (Hayes-Blog) nochmal erklären?

Es ist für Menschen in Sierra Leone noch viel wichtiger als in unserer Kultur, ihren religiösen Bräuchen treu zu bleiben. Dies nicht zu tun, ist so, als würden sie sich selbst aus der Gemeinschaft ausschließen, die für sie im Alltag überlebensnotwendig ist. Sie fühlen sich zudem ihrer Familie sehr verbunden und die Begräbnisrituale nicht durchzuführen ist gleichbedeutend damit, die Toten zu entehren. Es ist fast nicht möglich. Sie müssen für mehrere Tage aufgebahrt werden, sie werden liebevoll gewaschen, umarmt und geküsst. Es wird vor und nach der Bestattung viele Tage für die Toten gebetet. Daher stoßen die empfohlenen Hygienemaßnahmen auf so viel Widerstand. Da die Menschen aber durch die Aufklärung über Viren verstehen, dass sie ihre lebenden Familienmitglieder und sich selbst gefährden, wenn sie die Riten durchführen, überlegen sie mit Hannah, was sie stattdessen machen können. Sie sind sehr flexibel und sie sind auf die Idee gekommen, die Rituale mit einem Bananen-Baumstamm durchzuführen. Dann haben sie ihren Toten die gebührende Ehre erwiesen und für die Lebenden das Beste gemacht. Das hätte von außen niemand erfinden können, solche Lösungen können Menschen nur selbst in ihrem eigenen Kontext finden. Das ist die Stärke des ACT-Ansatzes: es gibt einen Rahmen vor, in dem neue Sichtweisen möglich werden, die in jeder Situation, in jeder Kultur völlig unterschiedlich aussehen können.

Magst du euren Beitrag in Beziehung setzen zu den Beiträgen der Regierungen (USA, BRD)?

Wir sind sehr schlagkräftig, da wir vor Ort viele Beziehungen geknüpft haben. Wir könnten innerhalb kürzester Zeit hunderte von Menschen mobilisieren, die bereits Teilnehmer unserer Workshops waren und aus allen Berufsgruppen kommen, Therapeuten, Krankenschwestern, Ärzte, Polizisten, Lehrer. Auch Politiker kennen und schätzen unsere Arbeit. Einige Therapeuten sind seit Jahren in der ACT geübt und können sofort andere trainieren, die Matrix anzuwenden. Regierungen haben die notwendigen finanziellen Mittel und eine Infrastruktur zur Verfügung. Zur Umsetzung benötigen sie Menschen vor Ort und dabei können wir hilfreich sein. Letztlich entstehen weitreichende Veränderungen durch persönliche Beziehungen und Vertrauen zwischen Menschen verschiedener Nationen.

Kann man sagen, dass die staatlichen und internationalen Hilfeleistungen eher auf die nötige medizinische Hilfe ausgerichtet sind, eure dagegen mehr die Primärprävention verbessert, also das Ausbreiten des Virus?

Ja, leider. Es wäre so viel sinnvoller, mehr Mittel in die Aufklärung zu stecken, um die Ausbreitung der Viren zu verhindern. Wir haben uns vor Wochen schon für öffentliche Mittel beworben und wir hatten Empfehlungen renommierter Wissenschaftler wie David S. Wilson und Unterstützung von einem Koordinator der Weltbank. Bisher haben wir alle Aktionen mit privaten Spenden unternommen. Um 50 Menschen als Helfer für die Aufklärung zu schulen und sie in die Quarantäne-Gebiete zu schicken, brauchen wir ca. 2500,- Euro, für eine Mahlzeit während des Workshops, für Transportkosten für die Teilnehmer – du musst dir vorstellen, dass die Menschen sich solche einfachen Dinge nicht leisten können – und für die notwendigen Materialien. Sie bekommen auch ein kleines Taschengeld für ihren Einsatz, ein paar Euro.
Eine Auswirkung der angstgesteuerten, unkoordinierten Maßnahmen afrikanischer und internationaler Regierungen ist, dass Grenzen geschlossen werden, dass es keine Flüge mehr gibt, dass Firmen ihre Arbeit einstellen und dass dadurch die ohnehin fragile wirtschaftliche Situation zusammenbricht. Sierra Leone ist eins der ärmsten Länder der Welt. Die Menschen leben im Durchschnitt von weniger als 2,- Euro am Tag. Lebensmittel werden immer knapper, der Preis steigt täglich und sie waren vorher schon teuer. Hannah bringt von unseren Spendengeldern soweit möglich auch Essen zu Menschen in den Quarantänegebieten, weil sie nicht ausreichend versorgt werden. Es gibt immer mehr Ebola-Waisenkinder, die hungern.

Wie kannst du dein Engagement für commit + act in deinem Alltag unterbringen?

Ich habe meine Arbeitszeit in meiner Praxis etwas reduziert, auf 20 Therapiestunden in der Woche, mit täglich 4 Stunden. Die freien Stunden versuche ich, möglichst effektiv für die notwendigen Büroarbeiten und für fachliche Aufgaben zu nutzen, die ja schon eng mit meiner Arbeit in Sierra Leone zusammen hängen. Seit der Gründung von commit + act 2010 haben wir ein sehr engagiertes, internationales Team von ACT Kollegen aufgebaut, mit denen ich – genau wie mit Hannah in Sierra Leone – ständig in Kontakt bin, oft über What´s App und auch in regelmäßigen Konferenzgesprächen. Jeder übernimmt einen Bereich, die Öffentlichkeitsarbeit, die Evaluation, die Finanzen, die Supervisionen etc. Wir nennen es unser „Baby“, das wir alle zusammen aufziehen, und es hat schon die ersten Schritte und Worte gelernt. „It takes a village to raise a child“, sagen die Leoner. Ehrlich gesagt, manchmal ist die Arbeit auch überwältigend und ich schlafe schlecht und frage mich, wie wir genug Spendengelder bekommen können, um unsere Mitarbeiter im Zentrum zu bezahlen, oder wie wir dieses Problem mit Ebola am besten angehen. Oder ich habe Bauchweh, weil ich denke, ich sollte eine Email auf unserer Listserv posten und ich traue mich nicht und haben Angst, mein Anliegen nicht richtig rüber zu bringen. Aber solche Momente gehören denke ich zu jedem größeren Engagement und es tauchen immer wieder unvermutet neue Teammitglieder oder neue Lösungen auf.
Diese Arbeit ist ganz wichtig in meinem Leben geworden, ich habe so viele wunderbare neue Freunde gewonnen, so viele Kontakte mit interessanten Menschen, die ich sonst nicht hätte, ich lerne so viel. Ich würde es nie mehr hergeben.

Vielen Dank, Beate.